Der Film heißt "Close Up Kurdistan". Was bedeutet für Sie persönlich diese Nahaufnahme?
Als jemand, der in Türkisch-Kurdistan geboren und aufgewachsen ist, ging der “permanente” Krieg an mir nicht einfach vorbei, auch wenn ich seit 1980 in Deutschland lebe. Ich habe über all die Jahre viele kurdische Flüchtlinge kennengelernt. Darunter waren viele verfolgte kurdische Intellektuelle, aber auch meine engen Verwandten, die sich nach Europa und besonders nach Deutschland abgesetzt haben. Ich lernte junge Kurden kennen, die als Guerrillakämpfer im Krieg involviert waren und dann als Kriegsinvaliden nach Deutschland kamen. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass wir hier in Europa von dem “permanenten” und schmutzigen Krieg in Türkisch-Kurdistan kaum etwas wissen. Die breite Masse in Europa und der übrigen Welt nimmt von der Tragödie keine Notiz. Deswegen wollte ich mir das alles aus der Nähe ansehen, um das Ausmaß des türkisch-kurdischen Konfliktes begreiflich zu machen.
Wie haben Sie die Gesprächspartner für ihren Film ausgewählt?
Der türkisch-kurdische Konflikt hat viele verschiedene Facetten. Er betrifft jeden in dem Land, ja sogar die im Ausland, auch hier in Deutschland Lebenden. Es ging mir darum, ein Panorama der Menschen zu zeigen, die unter diesem Konflikt zu leiden hatten und haben. Ich habe während der Recherche zu dem Film viele Menschen kennengelernt. Schon während des Drehs stellte ich fest, wie stark, überzeugend und wahrhaftig die Erzählungen meiner Interviewpartner sind.
Dr. İsmail BEŞIKIÇI hat als Türke und damals junger Student bereits 1961 viele Kurden kennengelernt – noch bevor ich überhaupt geboren wurde. Diese Begegnungen haben seinen Werdegang als Wissenschaftler bestimmt und er publizierte viele Bücher über kurdische Themen. Dafür hat er insgesamt 17 Jahre seines Lebens in verschiedenen Gefängnissen verbringen müssen.
Die meisten Ex-Soldaten, mit denen ich sprach, konnten verständlicherweise den Mut nicht aufbringen, die Wahrheit über ihre Militärzeit vor laufender Kamera zu erzählen. Ihnen droht unter Umständen ein Strafverfahren “wegen des Verrats von Militärgeheimnissen”.
Auf der anderen Seite hat der Krieg Hunderttausende kurdische Dorfbewohner in die Städte vertrieben. Sie mussten ihre Dörfer verlassen, in denen sie seit Jahrhunderten lebten. Innerhalb einer Generation wurden sie völlig entwurzelt. Dadurch wurde ein Großteil der kurdischen Lebensform vernichtet.
ORHAN MIROĞLU gehörte schon in den 70ern zur kurdischen Opposition, bevor er nach dem Militärputsch 1980 ins Militärgefängnis von Diyarbakir kam und sechs Jahre seines Lebens dort verbringen musste. Dieses Gefängnis ist für Kurden ein Symbol des Widerstandes.
Können Sie die Haltung des Films zum kurdisch-türkischen Konflikt und den Zusammenhang von Privatem und Politischen skizzieren?
Der Krieg fängt schon in den Köpfen an, bevor man zu den Waffen greift. Mir war immer klar, dass die Assimilationspolitik des türkischen Staates das Grundübel dieses Konflikts ist; die Aberkennung der Existenz eines Volkes, seiner Sprache, seiner Kultur – die Verleugnung.
Ich wurde in Kurdistan geboren und bin dort aufgewachsen. Erst im Alter von sechs Jahren, als ich zur Schule ging, lernte ich die türkische Sprache. Ich verbrachte meine gesamte Schulzeit in türkischen Internaten, bevor ich im Alter von 16 Jahren nach Deutschland kam. Diese Internatschulen, die es überall im kurdischen Gebiet gab, waren Assimilationsanstalten, keine Schulen, die ein qualitativ gutes Lehrangebot hatten. Sie dienten fast ausschließlich der Propagierung der kemalistischen Staatsideologie, dass alle Menschen innerhalb des Staatsgebildes Türken sind.
Mir ging es darum zu erfahren, was den Menschen widerfahren ist, die dort geboren und aufgewachsen sind und dort weiterhin leben. Ich wollte begreifen, warum meine Schulfreundin als Guerillakämpferin in die Berge gegangen ist und nicht mehr zurückkam.
Wie wirkt die Allgegenwart des türkischen Staats und seiner Symbole in Türkisch-Kurdistan auf Sie und die Kurden?
In dem Land herrscht seit 30 Jahren der “Ausnahmezustand”. Fast Zweidrittel der türkischen Streitkräfte sind im kurdischen Gebiet stationiert. In der Stadt Diyarbakir befinden sich die Militärkasernen wegen des explosionsartigen Bevölkerungszuwachs` in den 90er Jahren und wegen der Zerstörung der kurdischen Dörfer inzwischen mitten in der Stadt. In den Bergen wurden festungsartige Militärstationen gebaut. Überall sind Militärkontrollen. In den kurdischen Provinz- und Kreisstädten sind die Militärs, Polizeikräfte und Beamte die einzigen Türken. Die Bevölkerung fühlt sich in einem Belagerungszustand; es ist ein “besetzes” Land.
Selbst in der Metropole Istanbul, die ich öfters besuche, sind überall türkische Fahnen angebracht, und sie werden immer mehr, größer und überdimensionaler.
Welche Bedeutung hat die Musik für den Film?
Die Musik, die ich als Kind zu hören bekam und in Erinnerung habe, war kurdische Musik. Dann wurde ich in der Internatschule mit türkisch-nationalistischen Gesängen konfrontiert. Die kurdische Musik war, wie die Sprache, jahrzehntelang verboten. Erst durch die “vorsichtige” Lockerung des Verbots erlebte die kurdische Musik vor allem in den 90ern eine Renaissance. Das Stück “Kece Kurdan” ("Die kurdische Tochter"), gesungen von der kurdischen Sängerin Aynur Doğan,
wurde in der Türkei trotzdem verboten. Ich habe auch Musik von der Gruppe “Kardeş Türküler” verwendet, die die Lieder verschiedener Minderheiten innerhalb der Türkei singen und spielen, die für die eigentliche kulturelle Vielfalt des Landes stehen.
Wie war die Arbeit beim Schnitt des Films?
Für mich entsteht der Dokumentarfilm erst am Schneidetisch. Der Schnittprozess eines Dokumentarfilms ist wesentlich intensiver und kreativer als der eines Spielfilms. Ich habe das Glück gehabt, mit einem sehr erfahrenen Cutter zu arbeiten, der sich noch dazu gut mit dem Thema des Films auskennt. Bei mir bestimmt zuerst der Inhalt die Form. Zuerst ging es uns darum, auf der erzählerischen Ebene den roten Faden zu finden. Was ist das Wesentliche? Was haben meine Interviewpartner mir und dem Zuschauer zu erzählen? Und wie ergänzen sie sich? Wenn das Wesentliche sich dann nach und nach herauskristallisiert, beginnt beim Schnitt der Prozess, bei dem sich Inhalt und Form gegenseitig bedingen.
Die Armeen der Welt sehen überall gleich aus; sie tragen fast ähnliche Uniformen, tragen ähnliche Waffen, und besitzen fast die gleiche Ausrüstung. Auch wenn Soldaten der türkischen Armee und die kurdischen Guerrillakämpfer ganz gegensätzliche Ziele mit unterschiedlichen Mitteln verfolgen, so durchlaufen sie doch ähnliche Ausbildungsstrukturen.
Auffällig an dem Film sind die Kamerafahrten. Mit ihnen zeigen Sie uns die Städte und das Land, aber auch Vorstellungen komplexerer Sachverhalte.
Der Film war für mich eine persönliche Reise in die jüngste Vergangenheit des türkisch-kurdischen Konflikts. Durch die Kamerafahrten zeige ich Städte, Landschaften, die ich zum Teil durchquere, wenn ich meine Eltern besuche. Sie stehen für mich gleichzeitig für die Vielfalt, Schönheit, aber auch für den Zerfall dieses Landes. Wenn Dr. Ismail BESIKCI am Anfang des Films von den zahlreichen Gefängnisaufenthalten in verschiedenen Städten spricht, wird auch er diese Wege passiert haben.
Bei der Fahrt durch die kurdischen Berge passieren wir Schauplätze der zum Teil heftigen Kämpfe zwischen der türkischen Armee und der kurdischen Guerrillas. Es handelt sich um das Gebiet, in dem sich der deutsche Ex-Guerrillakämpfer aufgehalten hat, als er in Kurdistan war. Auch die kurdische Frau in dem Flüchtlingslager Maxmur im Irak stammt aus diesem Gebiet. Überall in der Gegend sieht man fast nur noch zerstörte und verlassene Dörfer, die für viele Menschen einmal ein “Paradies auf Erden” gewesen sein müssen. Wenn der Schriftsteller ORHAN MIROĞLU von seinem Geburtsort erzählt und davon, dass dort einmal Assyrer, Kurden, Yeziden, Araber und Türken miteinander lebten und man auf der Strasse drei bis vier Sprachen hören konnte, sehen wir eine Tafel, die über die Hauptstrasse der Stadt Mardin angebracht ist, auf der steht: “Türke, sei stolz, arbeite, vertraue!”. Ein Spruch von Atatürk! Den gleichen Spruch sehen wir unter einem Denkmal mitten in Ankara. Man hat die kulturelle Vielfalt leider vernichtet.
